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von Sonja Eismann
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Der (Un)Modische Riss
Sobald wir über die derzeitige Lage der Mode oder selbst der Welt an diesem Zeitpunkt in der Geschichte nachdenken, braucht es nicht allzu lange, um zu dem Punkt zu kommen, dass alles, gelinde gesagt, kaputt ist. Ganz egal, ob wir uns unsere Umwelt, Menschenrechte oder Politik ansehen. Auf der anderen Seite geht es einigen Menschen um einiges besser als jemals zuvor. Weiters herrscht viel mehr Bewusstsein für die Rechte von Individuen und Minderheiten, wie wir bei der Unterstützung von Bewegungen wie Black Lives Matter oder den Rechten von Transmenschen sehen können. Zur selben Zeit gibt es mehrere Akteure, die Mode verbessern wollen – zu reparieren versuchen, was gerade falsch läuft. Wie anhand von Ereignissen wie dem versuchten Sturm auf das Kapitol oder den Erfolgen von rechtem Populismus auf der ganzen Welt klar geworden ist, ist die Gesellschaft tiefgreifend gespalten zwischen „anywheres and everywhere“, zwischen liberalen, weltweit verbundenen Menschen und denen, die verhärtete, rückwärtsgewandte Ideen über Nation und Ethnie bevorzugen. Und auch zwischen denen, die Mode nachhaltig genießen wollen und denen, die einfach billig konsumieren wollen ohne dabei an die Konsequenzen denken zu müssen. In dieser Arbeit schlage ich den Begriff „Riss“ vor, um mit dieser Situation produktiv umgehen zu können. Denn Risse in Kleidungsstücken stellen nicht nur eine Trennung dar, sondern auch etwas Gemeinsames – denn um etwas auseinanderreißen zu können, muss das Material zuallererst eins gewesen sein – und es besteht immer die Möglichkeit, etwas zu reparieren, um etwas Neues und Transformiertes zu erschaffen.
Ich war auch inspiriert vom Motto der diesjährigen Berlinale, welches das kuratorische Team von der ägyptisch-kanadischen Poetin Iman Mersal ausgeborgt hatte. Im Epilog steht “’’The Crack Begins Within’ calls out the fallacy of claiming for oneself the destruction of the old and the birthing of the new, refloated so many times by the white fathers as a new scaffolding to secure the continuity of their decaying structures. This is the violence that surrounds us, and that we are a part of.” 1
In Referenz auf dieses Zitat ist es von äußerster Wichtigkeit festzuhalten, dass es in Wirklichkeit kein Draußen gibt. Jedes einzelne Wesen trägt an den existierenden Strukturen von Gewalt und Zerstörung mit Schuld, da wir alle innerhalb eines kapitalistischen Systems leben, das eben kein Draußen kennt – obwohl wir alle unterschiedlich davon betroffen sind. Jedoch, so wie Iman Mersal in ihrem Artikel „On Motherfood and Violence“ darlegt, in dem sie darüber schreibt, wie es ist, sich zu weigern, sich als Individuum aufzugeben, um Mutter zu sein: Der Riss ist als integraler Bestandteil unserer Identität zu verstehen. Sie schreibt: “It is true that the instant of giving birth will split you into two halves. But isn’t there, in each of our lives, a breakage, a crack, as F. Scott Fitzgerald says? Isn’t this crack itself part of the identity with which we move through the world?“ 2
In Anbetracht der existenziellen Natur des Risses ist es keine Überraschung, dass er schon lange eine wichtige Rolle in der Mode spielt. Abgesehen davon, dass der Riss ein Anzeichen von Armut ist, wurde das absichtliche Zerreißen von Kleidung schon im alten Testament als Praxis des Trauerns beschrieben. Später wurde diese Praxis jedoch mehr mit Wut in Verbindung gebracht, was dazu geführt hat, dass die christliche Kirche es im achten Jahrhundert nach Christus verbot. Nichtsdestotrotz wurde im 16. und 17. Jahrhundert eine Praxis namens „slashing“ innerhalb der Europäischen Aristokratie en vogue. Die Online Encyclopedia of Fashion beschreibt die Technik des dagging und slashing als solches: „The decorative technique known as slashing involved making small cuts in the outer fabric of a garment so as to reveal the inner lining. As with dagging, slashing was performed on all variety of garments, from men's doublets, a padded overshirt, and breeches to women's gowns and even to shoes. The practice of slashing was introduced by Swiss army troops following their defeat of Charles the Bold (1433–1477), duke of Burgundy, in 1477. As the tattered Swiss troops ransacked the villages of Burgundy, a region of present-day France, they cut up bits of tents and banners and threaded these scraps through holes in their own garments. The effect was to have brightly colored pieces of fabric poking out from underneath an outer garment. Upon their return home, wealthy people began to imitate the fashion and it soon caught on throughout Europe. Slashing remained popular in Europe through the 1500s“3. Da dieser Stil, der im Deutschen „Schlitzmode“ heißt, mit großem Reichtum und Exzess in Verbindung gebracht wurde, wurde er im Jahre 1633 von dem französischem Kaiser Louis XIII in Frankreich verboten.
Doch eine Vorliebe für offensichtliche Mängel oder für das Privileg in der Position zu sein, die Integrität seiner eigenen Kleidung zu zerstören, ist, wie wir alle wissen, bis heute noch erhalten – nicht nur aus der Geschichte der Punkmode, in der Risse eines der einprägsamsten Merkmale darstellen. Beeinflusst von Surrealismus und mit Hilfe von Salvador Dalí designte Elsa Schiaparelli 1938 ihr „Tears Dress“ mit einem Kopftuch, lang bevor Punk überhaupt am Horizont erschien. Großteils besteht es jedoch aus einem tromp l’œil Effekt: „Das Kleid ist bedruckt, und die Risse sind sorgfältig ausgeschnitten und in Pink und Magenta ausgekleidet.“4 „Unraveled“, eine Ausstellung im Museum im FIT in New York in 2018, war gänzlich den „Rollen von Gedächtnis und Mangel in der Mode“5 gewidmet und zeigte unfertige, geflickte, veränderte, umfunktionierte oder absichtliche dekonstruierte Kleidung, um die „abnorme Schönheit von Fehlern“ zu unterstreichen.
Von den anscheinend von Motten zerfressenen Kleidungsstücken der Mitglieder der Sex Pistols ist es nur ein Schritt hin zu der Punk Couture von Vivienne Westwood und dann ein weiterer zu der dekonstruierten Mode der 1980er und 90er, als Rei Kawakubo ihren „Lace“-Sweater mit absichtlichen Löchern designte, Martin Margiela seine „la mode destroy“ kreierte und später Jeans zerriss und Hussein Chalayan seine „The Tangent Flows“-Kollektion für sechs Wochen vergrub, damit sie verwest. Diese Designerinnen werden oft unter dem Namen „anti-fashion“ zusammengefasst, da sie mit ihrer dekonstruktiven und hoch intellektuellen Herangehensweise auf die Mängel oder Absurditäten des Systems High Fashion verweisen. In diesem Sinne könnten ihre Risse oder Löcher als offene Wunden im System oder leere Stellen gelesen werden, die darauf warten, mit einer utopischen Vision gefüllt zu werden.
Seit der Ära von Punk und Grunge war der Riss nie wirklich weg und hat immer wieder Zyklen der Reanimation durchlebt. Was jedoch sehr interessant in diesem Fall ist, ist, dass sich der Riss über die letzten Jahre zu einer Art Promimode entwickelt hat, während er gleichzeitig auch als Stilmittel für unterprivilegierte Jugendliche gilt und beide Stilrichtungen von einander profitieren. Prominente wie Kim Kardashian tragen teure zerrissene Outifts von Chanel oder Balmain, wohingegen arme innerstädtische Jugendliche in Modeoutlets strömen, um dort billige, zerrissene Jeans zu kaufen, die sie nicht nur als ökonomisch verarmt aussehen lassen, sondern auch signalisieren, dass sie in den Augen des gesellschaftlichen Mainstreams schlechten Geschmack haben.
Die Moderedakteurin Marian Park der Agentur für Trendprognosen WGSN beschreibt diesen Trend auf der Seite fashionista.com so: „Niedergeschlagene Details, ästhetisch gesehen, geben den Eindruck, ein Kleidungsstück sei geliebt. Die Jeans vom Freund ausgetragen, dein liebstes Shirt durch obsessives Tragen ausgeleiert. Wir haben all diese Marketingmechanismen schon mal gesehen.“7 Ein Artikel, der in der Guardian erschienen ist, versucht das Phänomen so zu beschreiben: „Der Kanye West Creative Director und Off-White Designer Virgil Abloh, dessen Designs oft Löcher haben, wurde in der Vogue zitiert, als er behauptete „niemand will den Eindruck erwecken, sich zu viel Mühe zu geben.“6
Für andere wiederum, wie die Forscherin Charlene Lau, haben diese Kleidungsstücke immer noch eine gewisse Aura von Street Credibility und Rebellion, die gerade in der Ära von Street Style Kleidung sehr gefragt ist, selbst wenn sie auf eine solche Art transportiert werden. Sie denkt auch, dass Veblens Theorie von „conspicuous consumption“ - Reichtum durch sichtbares Konsumieren zeigen – auf eine Art auf den Kopf gestellt wurde: Wenn du Geld für etwas ausgibst, das den Anschein erweckt, aus dem Mistkübel zu kommen, könnte das genauso gut die Höhe des Luxus darstellen. Jedoch kann sich nicht jeder leisten, arm auszusehen, vor allem nicht arme Menschen, weshalb „poverty chic“ mittlerweile als ‚poverty porn‘ stark kritisiert wird. Zusätzlich muss hier angemerkt werden, dass die Illusion, dass die getragene Kleidung durch harte Arbeite ausgeleiert wurde, sehr viel manuelle und nicht sonderlich nachhaltige oder ökologisch tragbare Arbeit in der Herstellung braucht. In ihrem Artikel „The Poor Can‘t Afford Not to Wear Nice Clothes“ merkt Tressie McMillian Cottom an, dass “es empirische Beweise dafür gibt, dass Frauen* und People of Color anders und oft auch strenger anhand ihres Auftretens bewertet werden.”8 Dies erklärt auch, warum Jugendliche von ökonomisch niedrigeren Klassen oder PoC-Communities oft dafür kritisiert oder verhöhnt werden, diesen Stil der internationalen glamorati nachzuahmen – die Attitüde von „mir ist egal, wie ich aussehe“ der oberen Klassen fühlt sich etwas zu vertraut an, wenn untere Klassen versuchen, den Look von Armut der Reichen zu imitieren.
Eine der vielen Widersprüche dieses Trends lässt sich anhand dessen erkennen, dass es in einer Zeit von Fast Fashion eine unfassbar und schon bedenkliche Anzahl an Kleidungsstücken gibt, die einfach weggeworfen werden, sobald sie zerrissen oder in einer sonstigen Art und Weise kaputt werden – sobald ein Riss nicht beabsichtigt der vorgefertigt wird, gilt er als Mangel, der oft nicht repariert wird. Es ist viel leichter, für ein paar Euro ein neues Stück zu kaufen, als es professionell reparieren zu lassen beziehungsweise es selbst zu reparieren und somit Zeit zu verlieren, in der Geld verdient hätte werden können. Zusätzlich dazu haben die meisten Menschen nicht die Kompetenzen, einfache Reparaturen von Kleidungsstücken durchzuführen, da dies nicht mehr in der Schule gelehrt wird und es kaum Bedarf gibt, es eigenständig zu lernen. In Slow Fashion Kreisen gibt es daher mittlerweile den Gegentrend von „Visible Mending“ oder die traditionelle japanische Art des „Sashiko“, in dem der Anspruch nicht ist, ein Kleidungsstück wieder zu seiner ursprünglichen Form zurückzuführen, sondern durch die geometrische Form des Vorstichs aufzuwerten. Doch selbst Menschen, die sich in dieser nachhaltigen Weise mit Kleidung und ihrer Reparatur beschäftigen oder wie sie es nennen „heilen“, sind sich der Grenzen ihrer Ideologie sehr bewusst. Meghan Rackling schreibt über diesen Trend: „This rethinking of disposability has an anti-capitalist appeal, as does thinking of oneself as someone who is not only, always, a consumer in search of the next purchase. But in the same way that making sustainable clothing purchases is a privilege many cannot afford, it is a privilege to have the resources needed not only to mend something but also to take the time to make it beautiful. It is also a privilege to feel comfortable wearing clothes that are visibly worn, however beautiful the repair. We need to be careful not to romanticize the history of mending, a craft that has grown out of necessity.”9
Das alles bringt uns zu der Frage, wie zerrissen Modecommunities zwischen bewussten Slow Fashion Konsumenten und Fast Fashion Junkies sind. Wir alle wissen, wie destruktiv es ist, immer mehr und mehr Kleidung und Accessoires zu kaufen, jedoch beruht Fair Fashion genauso auf den kapitalistischen Methoden von Expansion und Profit. Wer profitiert davon, die Schuld ausschließlich auf den Fast Fashion Konsum zu schieben, wenn diese großteils von Menschen, die als weiblich, arm und nicht weiß gelesen werden praktiziert wird? Dadurch, dass sexistische, klassizistische und rassistische Gräben gezogen werden und somit ein Bild von einem „guten“ im Gegensatz zu einem „schlechten“ Konsum etabliert wird, bleibt die Illusion bestehen, dass es unsere individuelle Pflicht ist, darüber zu entscheiden, ob wir Arbeitenden akzeptable Arbeitsbedingungen zusprechen oder ob wir verschmutze Flüsse haben, etc. Dass es strukturelle Probleme gibt, die nur von internationaler Legislation, die von Regierungen entwickelt werden und an die sich Hersteller halten müssen, gelöst werden kann, wird dadurch verschleiert. Das ist also der finale Riss, der sich durch unsere Gesellschaft zieht und manchmal selbst durch uns als Individuen. Diesen Riss als Wunde anzusehen könnte als Metapher für diese Division herhalten, jedoch glaube ich auch, dass er als ein Anfangspunkt für ein kollektives Reparieren oder sogar Heilung angesehen werden kann: Denn wo es einen Riss gibt, gibt es auch eine Stelle von intaktem Stoff, wo der Riss beginnt. Und in den Worten von Iman Mersal ist dieser Riss und all die Gewalt, die er mit sich zieht Teil von unserem Dasein, demnach ist auch die einzige Art damit umzugehen kollektiv. Wenn wir ihn sichtbar machen mit all den anderen Spaltungen in einem System, das auf Ausbeutung aufgebaut ist, dann könnten wir dieses System als Ganzes destabilisieren und eine positive Veränderung hervorrufen.
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